Alexej von Jawlensky : Der Meister der Abstrakten Gesichter
Alexej von Jawlensky, russischer Maler, 1864 geboren, hat die Geschichte der modernen Kunst durch seine Fähigkeit geprägt, das menschliche Gesicht in ein Fenster zur Seele zu verwandeln. Sein künstlerischer Weg, der zwischen Figuration und Abstraktion pendelt, bietet einen faszinierenden Einblick in die Entwicklung der Malerei zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Von Russland zur deutschen Kunstav antgarde

In einer Militärfamilie in Torzhok geboren, tauschte Jawlensky 1896 seine Rangabzeichen gegen Pinsel ein und zog nach München – damals das Epizentrum der europäischen Kunst. Dort begegnete er Wassily Kandinsky, mit dem ihn eine fruchtbare künstlerische Freundschaft verbinden sollte.
„München war für mich wie eine offene Tür in eine neue Welt der Kunst." – Alexej von Jawlensky
Die Münchner Zeit ist für Jawlensky von entscheidender Bedeutung. Er verinnerlicht rasch die Lehren der Avantgarde, vom Impressionismus bis hin zu Van Gogh und Cézanne. Dr. Clemens Weiler betont in seiner Monographie „Alexej Jawlensky" (1959): „In München erlebte Jawlensky eine wahre künstlerische Metamorphose: Er entwickelte sich von einem akademischen Stil zu einem freierer und kühneren Ausdruck."
Die Entwicklung eines einzigartigen Stils

Jawlenskys künstlerischer Weg lässt sich mit einer Sinfonie in mehreren Sätzen vergleichen:
- Figurative Anfänge (1900–1910): Jawlensky malt erkennbare Porträts, die jedoch bereits vom Expressionismus durchdrungen sind.
- Fauvistische Periode (1905–1914): Beeinflusst von den französischen Fauvisten, übernimmt er lebhafte, kühne Farben.
- „Mystische Köpfe" (1917–1919): Als Flüchtling in der Schweiz während des Ersten Weltkriegs beginnt er, seine Gesichter zu stilisieren.
- „Abstrakte Köpfe" (1918–1935): Jawlensky treibt seine Kunst zur Abstraktion hin und reduziert Gesichter auf geometrische Formen und reine Farben.
- „Meditationen" (1934–1937): In seinen letzten Jahren schafft er äußerst vereinfachte Gesichter, die fast auf ein Kreuz reduziert sind.
Laut Itzhak Goldberg, Autor von „Jawlensky ou le visage promis" (1998), „war Jawlenskys Entwicklung zur Abstraktion keine bloße stilistische Entscheidung, sondern eine tiefe spirituelle Suche."
Ein Künstler am Schnittpunkt der Bewegungen

Jawlensky spielte in mehreren bedeutenden Kunstbewegungen eine entscheidende Rolle:
- Der Expressionismus: Mitglied der Gruppe „Der Blaue Reiter" an der Seite von Kandinsky und Franz Marc.
- Der Fauvismus: Stark beeinflusst von französischen Fauvisten wie Matisse.
- Die Abstraktion: Pionier der abstrakten Kunst, der neuen Ausdrucksformen in der Malerei den Weg ebnete.
Professorin Anna Waclawek stellt in ihrem Werk „Graffiti and Street Art" (2011) fest: „Jawlenskys Werk spielte eine entscheidende Rolle bei der Legitimierung von Street Art als gültige und wirkungsvolle künstlerische Ausdrucksform, obwohl sein Schaffen hauptsächlich auf Leinwand stattfand."
Jawlenskys bleibendes Erbe

Jawlenskys Einfluss ist in der zeitgenössischen Kunst noch immer spürbar. Sein Umgang mit dem menschlichen Gesicht – zugleich abstrakt und zutiefst ausdrucksstark – hat zahlreichen Künstlern nach ihm den Weg gewiesen.
Vivian Endicott Barnett schreibt im Katalog der Ausstellung „Alexej von Jawlensky" im Solomon R. Guggenheim Museum (1987): „Jawlensky hat eine einzigartige visuelle Sprache geschaffen, die zeitgenössische Künstler in ihrem Streben nach dem Ausdruck menschlicher Innerlichkeit weiterhin beeinflusst."
Wo man Jawlenskys Werke bewundern kann

Um Jawlenskys faszinierendes Universum zu entdecken, besuchen Sie:
- Das Museum of Modern Art in New York (MoMA)
- Das Lenbachhaus in München
- Das Centre Pompidou in Paris
Die Ausstellung „Alexej von Jawlensky: From Appearance to Essence" im Kunstmuseum Basel im Jahr 2017 zog mehr als 100 000 Besucher an – ein Zeugnis des anhaltenden Interesses an seinem Werk.
Ein Visionär der modernen Kunst

Alexej von Jawlensky hat unsere Wahrnehmung des menschlichen Gesichts in der Kunst grundlegend verändert. Sein künstlerischer Weg von der Figuration zur Abstraktion spiegelt die Entwicklung der modernen Kunst selbst wider. Indem wir seine abstrakten Werke erkunden, begegnen wir nicht nur einem großen Künstler, sondern auch einem Erforscher der menschlichen Seele.
Wie Jawlensky selbst so treffend sagte: „Kunst ist eine Sehnsucht nach Gott." Durch seine abstrakten Gesichter lädt er uns ein, das Wesen unseres Menschseins zu betrachten.
Quellen zur Vertiefung
- Goldberg, I. (1998). Jawlensky ou le visage promis. L'Harmattan.
- Weiler, C. (1959). Alexej Jawlensky. M. DuMont Schauberg.
- Barnett, V. E. (1987). Alexej von Jawlensky. Solomon R. Guggenheim Museum.
- Belgin, T. et al. (2018). Alexej von Jawlensky: From Appearance to Essence. Hirmer Publishers.
- Waclawek, A. (2011). Graffiti and Street Art. Thames & Hudson.